NPD-Kandidat Püschel jetzt ohne Kirchenamt

Wie lange darf muss die Kirche zuschauen, wenn ein langjähriger, sehr engagierter ehrenamtlicher Funktionär sich auf die Seite der NPD schlägt?

Vor dieser Frage stand seit November die Evangelische Kirche in Sachsen-Anhalt — nachdem Hans Püschel, Kirchenvorstand der Gemeinde Teuchern, SPD-Lokalpolitiker seit 1990 und Bürgermeister des vier Kilometer entfernten 550-Einwohner-Ortes Krauschwitz, schon Anfang November erstmals (in einem Leserbrief an die "Mitteldeutsche Zeitung", den das Blatt, wie berichtet, nicht abdrucken wollte, dafür aber die NPD* sichtlich erfreut verbreitete) seine Sympathien für die NPD publik gemacht hatte.

Kurioserweise hatte Püschel seinen Leserbrief, der ihn bundesweit bekannt machte, vorab sogar dem Krauschwitzer Gemeindepfarrer Thomas Wisch zu lesen gegeben. (Und der Pfarrer versicherte mir, als ich ihn für die gestrige "taz" in Krauschwitz traf, er habe seinem ehrenamtlichen Kirchenmitstreiter dringend geraten, das Papier nicht an die Presse zu geben.)

Kurz vor Weihnachten jedenfalls kündigte Püschel seine Kandidatur als NPD-Direktkandidat bei der Landtagswahl im März an* und trat aus der SPD aus — nachdem die Partei ein Ausschlussverfahren eingeleitet hatte. 

Und an Weihnachten? Spielte Püschel in der Christvesper die Orgel. Auch sein Ehrenamt als Kirchenältester übte er weiter aus, obwohl die NPD ihn längst intensiv als Werbemaskottchen einsetzte. 

Was natürlich Fragen wie die eingangs formulierte aufwarf. Oder ähnliche andere: Müsste die Kirche (wie mich Rüdiger Erben, SPD-Landtagskandidat der Region, beim meinem Besuch vor Ort fragte) der SPD im Fall Püschel nicht umgehend zur Seite springen, statt nach außen hin zu schweigen?

Nein, findet Pfarrer Thomas Wisch – und begründet das auch:

"Wir hätten Püschel auch sofort volle Breitseite geben können. Aber damit hätten wir ihn zum Märtyrer gemacht, und die NPD hätte sich noch mehr gefreut."

Stattdessen habe man zunächst das Gespräch mit Püschel gesucht, die Position der Kirche klargemacht — und gehofft, dass er sich eines besseren besinnt. Ganz bewusst habe die Kirche Püschels Kirchenvorstands-Posten nicht öffentlich gemacht — um den medialen Druck auf Püschel nicht weiter zu erhöhen. Der Pfarrer sagt: Wenn er die Bibel ernst nehme, dann könne er eben nicht agieren wie ein SPD-Chef:

"Als Pfarrer bin ich für Herrn Püschel immer da, auch wenn ich sein Verhalten nicht gut finde."

Nachdem die NPD den Krauschwitzer Bürgermeister offiziell als Landtagskandidaten nominiert hatte, entzog ihm der Kreiskirchenrat, wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gestern mitteilte, doch seinen ehrenamtlichen Kirchenposten und begründete den Schritt mit einem Beschluss der Landessynode vom März 2009 [PDF, S. 2]. Darin heißt es:

Die Mitgliedschaft in Parteien oder Gruppierungen, die die demokratische Verfassung unseres Staatswesens beschädigen oder abschaffen wollen, halten wir für unvereinbar mit einem Haupt- oder ehrenamtlichen Amt in unserer Kirche. Das muss nach heutiger Erkenntnis vor allem für rechtsextreme Parteien wie NPD und DVU und auch für linksextremistische Strömungen gelten. 

Ob sich die Menschen in Krauschwitz noch angemessen von dem NPD-Landtagskandidaten repräsentiert fühlen, konnten weder die "Mitteldeutsche Zeitung" noch ich wirklich herausfinden.

Für den kommenden Sonntag hat Püschel, der in Krauschwitz immernoch als Ortsbürgermeister im Amt ist, das Bürgerhaus Krauschwitz (einen 100-Personen-Saal im Ortsteil Krössuln) an die NPD vermietet. Die versucht nun, den maximalen PR-Effekt zu generieren — und kündigt eine Informationsveranstaltung NPD-Wahlkampfveranstaltung* mit Parteichef Udo Voigt an:

Medienvertreter sind zur dieser Veranstaltung herzlich eingeladen!

Ach, ja: Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag des MDR zur bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt die NPD derzeit bei etwa drei Prozent. (In der öffentlich zugänglichen Ergebnisliste ist die NPD nicht gesondert ausgewiesen, sondern unter "Sonstige" gerechnet). Allerdings ist diese Prognose nach Einschätzung des zuständigen Infratest-Projektleiters Heiko Gothe ziemlich ungenau. Sie taugt daher kaum, die Chancen der Rechtsextremen für den Einzug in das Magdeburger Landesparlament ernsthaft zu beurteilen — auch deshalb, weil sich rund 40 Prozent der Wahlberechtigten bisher nicht entschieden hätten, wem sie ihre Stimme geben wollen.

  • Nachtrag, 24.01.2001: Die "Mitteldeutsche Zeitung" war bei der NPD-Veranstaltung in Krössuln vor Ort und berichtet unter der Überschrift "Ortsbürgermeister Püschel droht Abwahl".
  • Nachtrag, 25.01.2011: Auch der "Tagesspiegel" berichtet über die NPD-Veranstaltung mit Püschel.

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