Sarrazin oder keiner

Der heutige Donnerstag könnte ein kalter, einsamer Tag werden für die Wahlkämpfer der NPD auf dem Domplatz in Halberstadt. In knapp einem Monat ist Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die jüngste repräsentative Umfrage sieht die NPD bei fünf Prozent der Stimmen. Die Rechtsextremen müssen jede Chance nutzen, den Wähler auf sich aufmerksam zu machen. Und eigentlich sah alles danach aus, dass ausgerechnet die Evangelische Kirche der NPD eine wunderbare Gelegenheit bieten würde.

Denn zwei Halberstädter Pfarrer hatten mitten im Landtagswahlkampf Thilo Sarrazin zu einer öffentlichen Diskussionsrunde in den Dom geladen:

"Wir freuen uns auf einen spannenden Abend, an dem auch Bücher des Gastes erworben und signiert werden können."

Zum Missvergnügen der Kirchenleitung, aber zur großen Freude der NPD, die dort am heutigen Donnerstag den "Wahlkampfhelfer Thilo Sarrazin" begrüßen wollte*. Doch am Tag vor der Lesung haben die Pfarrer die Veranstaltung letztlich abgesagt – nach wochenlangem (zunächst vergeblichen internen und schließlich öffentlichem) Drängen, auch aus der Evangelischen Kirche.

Der Kirche hatte rund um den Halberstädter Dom das ganz große PR-Desaster bevorgestanden. Während drinnen Pfarrer Harald Kunze und ein Kollege handverlesene Fragen aus den Reihen der Bürger an Sarrazin richten wollten – wären draußen vor der Tür die Rechtsextremen mit ihrem Spitzenkandidaten Matthias Heyder aufgelaufen, um den Wählern ihren neusten Wahlkampfslogan unterzujubeln. Der ist auch auf der Website der NPD-Sachsen-Anhalt nachzulesen und lautet:

Und die NPD wäre dort nicht alleine gewesen. Gläubige aus Halberstadt hatten zum Protest vor dem Dom geladen – gegen die NPD, aber auch gegen die Sarrazin-Veranstaltung ihrer eigenen Kirchengemeinde.

Nun fällt die Lesung aus, genau wie der Protest dagegen. Abgesagt am Tag davor. Bleiben ein paar Wahlkämpfer der NPD, die dennoch auf dem Domplatz herumstehen wollen*:

"Sarrazin kommt nicht nach Halberstadt – dafür ist die NPD vor Ort"

Außerdem bleiben einige Fragen, die sich die evangelischen Christen untereinander stellen dürften. Beispielsweise diese: Was sagt es über ein Kirchspiel aus, wenn der "geschäftsführende Pfarrer" Harald Kunze öffentlich kundtut: Er habe Sarrazins Buch komplett gelesen, könne darin aber "keine eindeutig islamfeindliche Haltung erkennen"? Was sagt es über die Streitkultur der Christen, wenn Kunze und sein Mitstreiter Hartmut Bartmuß die Kritik an ihrem Projekt als "infam" titulieren?

Und was ist die Botschaft hinter der Ankündigung der beiden Pfarrer, die Veranstaltungsreihe "Halberstädter Abend", in deren Rahmen die Sarrazin-Diskussion geplant war, nun ganz beenden zu wollen? Sarrazin oder keiner?
 

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