Kurz verlinkt: "Effilee" #14 (Jan/Feb 2011)

So "kurz", wie die Überschrift verspricht, wird es diesmal zwar nicht, aber:

Als ich im Sommer 2010 in Halberstadt einen Jugendlichen wiedertraf, den ich bei den Recherchen fürs Buch kennengelernt hatte, weil er beim Prozess gegen einen Neonazi als Opfer und Nebenkläger im Gerichtssaal saß, war er gerade von einem Ausflug ins Halberstädter Umland zurückgekehrt. In seinem Rucksack hatte der Jugendliche, der in der linken Szene Halberstadts aktiv ist, einige rechtsextreme Aufkleber, die er tags zuvor von Straßenlaternen und Stromkästen abgepult hatte — darunter auch diesen:

Der "Umweltschutz"-Spruch ist in all seiner Gänseblümchenhaftigkeit längst eine der gängigsten Parolen rechtsextremer Propaganda. Viele Themen, die heute gemeinhin als "typisch grün" gelten, sind auch in rechtsextremen Kreisen populär, teils als strategische Mimese, teils aus Überzeugung. Schließlich haben, geschichtlich gesehen, Öko- und Ökonazi-Bewegung z.T. dieselben Ursprünge — und sind, wenn man nicht aufpasst, sogar schnell zu verwechseln.

Wie schnell musste im Frühsommer 2010 auch das kleine, ambitionierte Foodmagazin "Effilee" feststellen: Für einen Artikel über den Zusammenhang von Gesundheit und gesundem Essen hatte das Magazin u.a. die Klinik Lahnhöhe besucht, deren Ernährungskonzept bis heute offenbar auf den Grundlagen des Vollwerternährungs-Pioniers Max Otto Bruker beruht. Doch so harmlos, wie Brukers Wirken auf der offiziellen Klinik-Website dargestellt wird, fand es sich hernach auch in der "Effilee"-Reportage wieder — obwohl doch der 2001 im Alter von 91 Jahren verstorbene Bruker von Kritikern "brauner Müslipapst" genannt wird und (um eine vielzitierte Formulierung aufzugreifen) nach einem Urteil des OLG Frankfurt von Jutta Ditfurth als "Scharnierstelle zwischen Ökologie- und Naturkostbewegung auf der einen und Neonazi-Szene auf der anderen Seite" bezeichnet werden durfte. Wie unbedacht und verharmlosend "Effilee" über Bruker berichtet hatte, erfuhr die Redaktion allerdings offenbar erst im Nachhinein von einem aufmerksamen Leser.

Der "Effilee"-Herausgeber (und hauptberufliche mobile.de-Millionär) Vijay Sapre entschied sich jedoch nicht nur, in Editorial der aktuellen Ausgabe ausdrücklich auf den Bruker-Fauxpas hinzuweisen; sein Magazin widmet der Frage "Wie braun ist Bio?" (Unterzeile: "Von NPD-Bauern, Öko-Diktatoren und dem rechten Rand der Bio-Szene") nun sogar die Titelstory.

Darin begibt sich der Journalist Eric T. Hansen neugierig auf eine (drei Doppelseiten lange!) Recherchereise in die Abgründe und Anfänge der braunen Ökoszene — von der Lebensreformbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts über Hitlers Vegetarismus und Rudolf Steiner bis zur (immer wieder erstaunlichen) niederbayerischen Rechts-Postille "Umwelt & Aktiv"*. Dabei ist die eigentlich zeitlose Titelgeschichte unverhofft aktuell, weil sie natürlich auch auf die "Blut-und-Boden-Biohöfe" der Artamanen in der Gegend von Gülzow zu sprechen kommt, …

… die ja (wir berichteten) unlängst wieder neue Aufmerksamkeit erfahren durften — und über die schon 2007 in der verdi-Zeitschrift "Publik" Folgendes zu lesen war:

In den Neunzigern sind sie drei, vier Bauern. Ziehen auf die Resthöfe in die Gegend um Teterow und Güstrow an der Mecklenburgischen Seenplatte. Neusiedlerhöfe aus einem Siedlungsprogramm Adolf Hitlers, der in den dreißiger Jahren zerfallene Güter wiederbelebte, indem er das Land an Bauern aus Süddeutschland verteilte. Die Nachfahren der Neusiedler beackern den deutschen Boden, verbinden deutsches Gedankengut mit einem Leben auf eigener Scholle. Als sich Anfang 2004 die Initiative "Gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See" gründet, sind sie dabei. Mehr noch, einer der Ihren, Helmut Ernst, Biolandwirt aus Koppelow wird sogar Sprecher der Gruppe. Die anfangs elf Landwirte wollen das Gleiche, kein gentechnisch verändertes Saatgut auf ihren insgesamt 1300 Hektar (…). "Niemand von denen hat sich geoutet, die hielten sich bedeckt", sagt Burkhard Roloff [Agrarexperte des BUND Mecklenburg-Vorpommern].

Bis zur Landtagswahl im vergangenen Jahr. Am Wahlsonntag verteilt Helmut Ernst bei einem Treffen der Initiative ein Interview, das er der "Deutschen Stimme"*, dem Stammblatt der NPD, gegeben hat. "Da fragte ich ihn noch, ob er ein Grüner sei", erzählt Roloff. "Nein", sagt Ernst, "NPD". Zu diesem Zeitpunkt, die Initiative hat inzwischen vierzehn Mitglieder, kann sich Ernst das erlauben. Etwa die Hälfte der Gentechnikgegner sind bereits Sympathisanten der NPD, erfolgreich bearbeitet nach dem zweiten, dritten Bier von der anfänglich kleinen Gruppe rechtsextremer Landwirte. (…)
(Link von uns.)

Biolandwirt Ernst, der nach Bekanntwerden seiner NPD-Aktivitäten den Vorsitz der Anti-Gentechnik-Initiative aufgab, kommt auch am Ende der "Effilee"-Titelstory zu Wort — mit einem Dementi ("Wir verstehen uns nicht als Artamanen.") und einem aufschlussreichen Resümee der vergangenen Jahre:

"Es gab 2006 ein paar Proteste, als die Sache mit der NPD rauskam", erzählt der Biobauer, der seinen Weizen, Roggen, Hafer und Gerste zum größten Teil an die überregionale Erzeugergemeinschaft "Bioland Markt" liefert. "Aber unterm Strich gab es keine großen Nachteile. Auch in der Nachbarschaft und regional gab es kaum Probleme."

  • Das Effilee-Heft kann man hier für 6,80 Euro bestellen.
  • Noch mehr zum Thema "Braune Ökobauern" in Mecklenburg-Vorpommern in einem Interview bei Netz-gegen-Nazis.de.

 

*) HINWEIS: Um die freie Meinungsbildung nicht zu behindern, verlinkt Heile-Welten.de auch frei zugängliche Websites mit umstrittenem Ruf und/oder fragwürdigen Inhalten. (Mehr dazu hier.) Entsprechende Links werden wie hier gekennzeichnet. Ob Sie die Links anklicken oder nicht, entscheiden Sie.
Mehr zum Thema Kurze Empfehlung, Ostdeutschland.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.