HALBERSTADT. "Jugendtypische Verfehlungen"

Gewalttaten, so alltäglich, dass sie zu keiner Nachricht werden: Wie ein ostdeutsches Amtsgericht über Angriffe auf linke Jugendliche urteilt.

LESEPROBE (Seite 87 bis 89)

(…) Der 19-jährige Kai Brügger (Name geändert) schaut den Richter in geduckter Haltung an, ein bisschen so, als erwarte er jeden Moment einen Schlag auf den kahlrasierten Kopf. In seinem geröteten Gesicht sprießt ein pubertärer Flaum, sein Nacken wirft dicke Falten. Wenn ihn der Richter auffordert, doch bitte etwas deutlicher zu sprechen, wiederholt Brügger seine ohnehin knappen Sätze. Nicht deutlicher, aber etwas lauter. Immer wieder, wenn der Angeklagte im Laufe der Sitzung etwas sagt, muss der Richter nachhaken – auch zu der Frage, wie Brügger selbst seine Tat einschätze: "Nicht gut finden Sie das? Aha."

Kai Brügger ist der Polizei "einschlägig bekannt". Bestraft wurde er bisher aber nur wegen einer "Anstiftung zum Diebstahl" und des "Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen", nie wegen einer Gewalttat. Vor dem Gerichtsgebäude war Kai Brügger bereits von Freunden erwartet worden. Einer von ihnen trug ein bierdeckelgroßes Hakenkreuz-Tattoo am Hinterkopf, in der Hand eine Flasche "Sternburg Export". Morgens, halb zehn in Sachsen- Anhalt.

Auf die vorsichtige Frage des Richters, ob Brügger sich selbst als "eher so rechts" verstehe, nuschelt er zustimmend: "Ich hab immer noch die Meinung." Für die Gerichtsverhandlung hat er sich ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Zillertaler reloaded" angezogen, ein Fan-T-Shirt einer Rechtsrockband. Über seinem linken Handrücken klebt ein breiter Streifen blaues Klebeband. Als ihn der Nebenklagevertreter fragt, ob sich darunter womöglich eine rechtsextreme Tätowierung befinde, antwortet Brügger: "Dazu sag ich nix."

Schon bei der Vernehmung durch die Polizei hat Brügger die "gefährliche Körperverletzung", um die es heute geht, zugegeben. Auch als ihm vor Gericht die Anklageschrift vorgelesen wird, korrigiert er nur ein paar Details: "Der Rest stimmt alles." Der "Rest" hört sich in der Beweisaufnahme so an: Eigentlich hatten Brügger und ein Mittäter, dessen Namen der Angeklagte nicht nennen will, an einem Abend im Frühsommer einen Freund besuchen wollen. Doch weil der nicht zu Hause gewesen sei, "ham wir gedacht, wir könnten nochmal auf die Straße". Vor der "Zora", einem stadtbekannten Treffpunkt der linksalternativen Szene, der in der Vergangenheit schon öfter Ziel rechtsextremer Übergriffe geworden war, entdeckten sie gegen 23 Uhr zwei Jugendliche, die gerade auf dem Heimweg waren. Noch im Vernehmungsprotokoll der Polizei hatte Brügger sie als "Zecken" bezeichnet.

Einer der beiden, Florian K., sitzt als Nebenkläger im Gericht. Der 15-jährige Schüler hat gefärbte Haare, die Ohren mit Sicherheitsnadeln durchstochen und sieht sich selbst als "Punk". Seine Mutter verdreht kurz die Augen, wenn sie das hört.

Florian K. berichtet, wie Kai Brügger mit den Worten "Scheiß Zecken, ihr seid es nicht wert zu leben!" eine Bierflasche nach ihm warf, seinen Kopf dabei nur knapp verfehlte, ihn anschließend zu Boden gezerrt, mehrfach
von hinten auf seinen Kopf geschlagen und irgendwann – keiner weiß mehr, warum – damit aufgehört habe. Der Richter fragt Brügger, ob er das Opfer auch getreten habe. "Nee, nur ein Mal", sagt Kai Brügger. (…)

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