SCHÖNSTADT. Täter, Opfer, Sohn

Ein Gymnasiast wird zum Neonazi, und die Eltern können ihn nicht aufhalten: Was es heißt, in einer süddeutschen Kleinstadt ein rechtsextremes Kind zu haben.

LESEPROBE (Seite 35 bis 38, leicht gekürzt)

(…) Es war ein Sommertag vor sieben Jahren, die Eltern saßen mit Simon in ihrem Ferienhaus auf Sardinien, ihr Urlaub hatte gerade begonnen, da klingelte Renate Sommers Handy. Der ältere Sohn Frederick rief aufgeregt von zu Hause an. "Mama, stell dir vor, was ich in Simons Schreibtisch gefunden habe!" Eine CD mit Neonazi-Musik. "Das kann nicht sein!", dachten die Eltern. Sie suchten nach einer Erklärung. Simon war damals 14 Jahre alt. Als er ihnen versicherte, er habe die CD von einem Freund bekommen und selbst mit dem Zeug nichts zu tun, glaubten sie ihm. Renate Sommer hat sich nicht mal gemerkt, was es für Musik war, die ihr Jüngster da in seinem Zimmer versteckte. Warum auch? Nach dem Urlaub zerbrach ihr Mann die CD vor Simons Augen. "Wir dachten, damit hat sich das erledigt." (…)

Schon Monate vorher war Simon im Internet auf ein rechtsextremes Forum gestoßen – zufällig, sagt die Mutter, im Gymnasium. Dort machte er in der Internet AG mit und durfte nach dem Unterricht ungestört im Netz surfen. So kam er in Kontakt mit einem 16 Jahre alten Neonazi, der ihm selbstgebrannte CDs schickte. Nicht irgendwelche, Simon lernte gleich die Stars der Szene kennen: die Rechtsrockband "Landser", bekannt für besonders gewaltverherrlichende Texte, und den rechtsextremen "Barden" Frank Rennicke. Damit die Eltern nichts bemerkten, ließ sich der Junge die CDs zu den Nachbarn schicken.

Hilfe für Betroffene

Zu den Beratungsstellen mit speziell geschulten Mitarbeitern für Familien mit rechtsextremen Kindern zählen die anonym und ausschließlich per E-Mail arbeitende Online-Beratung gegen Rechtsextremismus, die Familienhilfe von EXIT Deutschland in Berlin, die Berliner Beratungsstelle Licht-Blicke, die Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt in Braunschweig, das Lidice-Haus in Bremen, in Nordrhein-Westfalen das Netzwerk Ida-NRW und die staatliche Beratungsstelle des Landes Rheinland-Pfalz.

Es verging fast ein Jahr, bis die Sommers begriffen, dass es Simon ernst war mit seinem neuen Hobby. Diesmal zitierte der Klassenlehrer sie in die Schule. Der Gymnasiast hatte CDs mit Balladen von Rennicke an zwei Mitschüler verschenkt – um sie für seine Lieblingsmusik zu begeistern.

Die Werbeaktion flog auf, weil einer der Achtklässler das Präsent seinen Eltern gezeigt hatte und die es zur Polizei trugen. So saßen die Sommers wenig später beim Staatsschutz in der Nachbarstadt. Was für ein Termin! "Für mich war das alles total schockierend", sagt Renate Sommer. Sie meint nicht nur die Vorladung, sondern auch das Verhalten ihres Sohnes. Denn Simon stritt alles ab, redete sich heraus. Die Eltern merkten, dass er log – und schwiegen. Die Staatsschützer aber glaubten dem Jungen. Wieso auch nicht, bei so einem prima Elternhaus? Renate Sommer hat nicht vergessen, was die Beamten zum Abschied sagten: "Wir hoffen, wir sehen uns nie wieder!"

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Das war der Anfang.

Renate Sommer erzählt geradeheraus, eilig, ohne Schnörkel. Den schwarzen Kaffee, der vor ihr auf dem Tisch steht, hat sie längst vergessen. Sie muss nie lange nachdenken, die Orte, die Bilder, es scheint alles präsent, hunderte Male in ihrem Kopf gedreht, gewendet und hinterfragt. (…)

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