STREHLA. Die Tante Ines vom Spielplatz

Sie ist Hausfrau aus Überzeugung, Elternsprecherin und Schöffin: Wie eine Mutter mit Freundlichkeit und Elan für völkische Ideen wirbt.

LESEPROBE (Seite 15 bis 20, leicht gekürzt)

Sie zögert keinen Augenblick, als sie die zerbrochene Bierflasche auf dem Gehweg entdeckt. Sie bückt sich, obwohl sie ja auf der rechten Hand eine Platte frischen Mohnkuchen für die Schwiegermutter balanciert, hebt die Scherbe auf, nimmt sie mit zum nächsten Glascontainer, der gegenüber der Grundschule steht. Klack. Weg. Ines Schreiber lächelt zufrieden. "Meinem Siegfried erklär ich immer: Umweltschutz ist Heimatschutz!" Sie erzählt gerne von ihrer Liebe zur Natur: von den Unterschriften, die sie als junges Mädchen für Greenpeace gesammelt hat – damit die Wale nicht aussterben. Von den Tomaten, die sie im eigenen Garten züchtet. Und davon, dass ihre kleinen Söhne schon die Geschichte des Donnergottes Thor kennen. "Deshalb", sagt sie, "haben die beiden keine Angst vor dem Gewitter."

Ines Schreiber, 36 Jahre, ist auf dem Heimweg. Es ist ein kalter, aber sonniger Vormittag, an dem wir sie in Strehla besuchen. Als Hausfrau dreht sie öfters eine Runde durch die Strehlaer Altstadt, bevor ihre Kinder Siegfried, 8 Jahre, und Heinrich, 6 Jahre, aus der Schule kommen. Nicht nur wegen der frischen Luft. Alle paar hundert Meter bleibt sie stehen, winkt, grüßt, schwatzt manchmal ein paar Sätze. Die Leute, klagt sie, säßen viel zu viel alleine am Computer. "Mir fehlt das Gemeinschaftliche. Ich will rausgehen, mit den Menschen reden." Sie deutet auf die andere Straßenseite: "Das ist Heinrichs Klassenlehrerin." Dann ruft sie fröhlich: "Guten Tag!" Die Frau nickt und lächelt höflich.

Die Schreibers waren gerade erst aus Bayern hier ins sächsische Strehla gezogen, als der kleine Siegfried in die 1b der Grundschule eingeschult wurde. Die Mutter bewarb sich gleich für den Elternbeirat seiner Klasse und wurde prompt gewählt. Später rückte sie als stellvertretende Klassensprecherin auch in den Schulelternbeirat auf. Ines Schreiber sagt nur Gutes über die Schule: "Wir arbeiten alle super zusammen. Und mit den Lehrerinnen haben wir unwahrscheinlich viel Glück."

Als sich die Mütter und Väter der 1b zur Elternbeiratswahl trafen, dürfte kaum jemand in Strehla gewusst haben, warum die Schreibers aus Coburg hierher nach Sachsen gezogen waren. Man sieht es der netten Hausfrau ja auch nicht an. "Viele Leute denken zuerst mal: Die ist sicher eine von den Grünen!" Sie lacht. Eine kuriose Idee!

Ines Schreiber würde bei den Grünen wirklich nicht auffallen – äußerlich. Sie trägt ein weites, langes Leinenkleid, dicke Wollstrümpfe in schwarzen Halbschuhen, eine eckige, schwarze Brille, ihr welliges, langes Haar im Nacken hochgesteckt. An ihrer Halskette baumelt ein silbriger Anhänger mit drei Blättern in einem Ring. Ein Symbol für die Verbundenheit zur Natur, sagt sie.

Man findet das Motiv auch im Internet – zum Beispiel beim Versandhaus des Deutsche Stimme-Verlags, jenem Verlag, in dem die NPD-Parteizeitung erscheint. Beim Deutsche Stimme-Versand heißt das Schmuckstück "Anhänger Baumrunen für positive Energien". Käufer dieses Artikels, informiert der Internetshop, hätten auch die DVD "Wollte Hitler den Krieg?" bestellt oder den Kunstdruck "Deutschland ist da, wo starke Herzen sind".

Der rechtsextreme Verlag hat seinen Sitz etwa zehn Kilometer von Strehla entfernt in einer weißen Industrieschachtel am Stadtrand von Riesa. Und genau deshalb hat es die Schreibers nach Sachsen verschlagen. Denn nachdem Ines Schreibers Ehemann seine Stelle beim Nation & Europa-Verlag in Coburg verloren hatte, fand er in der umfunktionierten Lagerhalle einen Job als Vertriebsleiter
des NPD-nahen Verlagshauses. Inzwischen hat er eine neue Aufgabe: Der studierte Finanzwirt und Steuerfahnder a.D. ist jetzt als parlamentarischer Berater der NPDFraktion im sächsischen Landtag angestellt.

Ines Schreiber zeigt gerne, wie hübsch sie es in Strehla haben: Das Städtchen, mit seinen 4.000 Einwohnern eigentlich eher ein Dorf, liegt idyllisch auf einem Hügel über dem Elbtal im Landkreis Meißen, auf halber Strecke zwischen Dresden und Leipzig. Fahrradtouristen machen gerne Station in der mittelalterlichen Stadt. Vom Marktplatz mit dem Renaissance-Rathaus und den denkmalgeschützten Bürgerhäusern sind es nur ein paar Schritte zur Toreinfahrt der Strehlaer Burg aus dem 15. Jahrhundert. Am anderen Ende der Altstadt kommen zwei Jugendliche aus dem Discounter, sie trinken Bier aus der Flasche. Einer trägt eine Bomberjacke und Springerstiefel, der andere die Haare zum Kamm aufgestellt.

Es gebe leider auch in Strehla ein paar "pubertäre, hormongesteuerte Jugendliche", sagt Ines Schreiber. Sie lacht. "Das pubertierende Männchen ist nicht so leicht zu zähmen – das ist auch in der Tierwelt so." Die rechten Jungs hier seien aber "wirklich total harmlos". Gewalt gebe es nicht, versichert Ines Schreiber, "und wenn, dann nur untereinander". Sollte einer "in betrunkenem Zustand " doch mal "bestimmte Dinge" rufen oder die rechte Hand heben, dann bekomme der sofort Ärger: "Ich sag denen: Ihr macht uns die ganze Arbeit kaputt – das geht so nicht!" Die Frau des NPD-Mitarbeiters klingt jetzt mütterlich besorgt: "Ich gebe diese Jugendlichen aber nicht auf."

Das Zuhause der Schreibers liegt am Rande der Altstadt, ein saniertes Bauernhaus, umgeben von einer dicken Mauer mit grünem Holztor. Leider könne sie Journalisten nicht zu sich nach Hause bitten, entschuldigt die Mutter. Der Vermieter wünsche keine Presse auf seinem Grundstück. Sie schlägt stattdessen das kleine Café am Marktplatz vor, wo der Wirt den dampfenden Milchkaffee in flachen, grünen Keramiktassen serviert. "Sind die nicht schön?", fragt Ines Schreiber beglückt. Sie schwärmt für solche Töpferware. "Und Strehla ist ja eine alte Töpferstadt." (…)

Ines Schreiber wirkt mit Vorliebe da, wo die Leute an alles denken, nur nicht an die NPD. Zum Beispiel im Elternbeirat der Schule.* Oder auch vor Gericht. Seit Mai 2009 ist die 36-Jährige beim Amtsgericht Riesa als Schöffin aufs Grundgesetz vereidigt. Als "Stimme des Volkes" wolle sie dazu beitragen, härtere Strafen durchzusetzen, natürlich nur im Rahmen des gesetzlich Möglichen. "In Deutschland gilt ja leider immer noch Täterschutz statt Opferschutz." Ginge es nach ihr, dann würden Gerichte in Deutschland auch wieder die Todesstrafe verhängen, "für Mörder – ganz klar", sagt sie, "aber auch für Kinderschänder". (…)

*) Nachtrag: Bei der Elternbeiratswahl der Strehlaer Grundschule im Herbst 2010 wurde Ines Schreiber nicht wiedergewählt, nachdem sie wenige Monate zuvor doch in die NPD eingetreten war.

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